Über das Fremdsein

Eva Pattis Zoja
Milan, Italia
Oesterreichische Gesellschaft für Analytische Psychologie

“Es war eines der ersten Konzerte seit Kriegsende in Nürtingen. Ein heruntergekommener, seiner Stimme nicht mehr mächtiger Bariton, sang Schuberts Winterreise vor wenigen Zuhörern.

Fremd bin ich eingezogen,
fremd ziehe ich wieder aus.
Als der Sänger einsetzte, traf seine Stimme das “fremd” nur ungenau. Selbst ich, der ich das Lied noch nicht kannte, merkte es. Aber gerade dieses suchende und gesuchte “fremd” bewegte mich tief.”
(Aus: Peter Härtling, Der Wanderer)

“Fremd”, dieses einsilbige, aber unendlich sinnbesetzte Wort …” (P. Härtling) hat sich bedeutungsmässig gewandelt. Mit ‘fremd’ meinte man ursprünglich vor allem geographisch Fernes: ein fremdes Land, eine fremde Sprache, ein fremdes Verhalten; heute benennt es häufiger innere Zustände oder Beziehungen: Fremdheitsgefühl, fremdbestimmt, entfremdet, verfremdet.

Die Sprachwurzel von fremd (foreign) geht auf fores (Tür), also draussen, vor der Tür, ausserhalb, zurück. Draussen ist alles, was nicht heim ist. Unsere ersten Kindheitserfahrungen von fremd haben wohl mit diesem draussen, ausserhalb des Körpers, zu tun. Ausserhalb des eigenen Körpers ist es fremd, herrscht ‘nicht-ich’.

Ein vierjähriges Kind, das sich die Zunge verbrannt hatte, sagte zu mir einmal, die Zungenspitze fühle sich eigenartig an. “Du meinst, man spürt nichts?” “Nein,” erwiderte das Kind, sich über seinen Einfall freuend: “Ein Teil der Zunge ist wie aussen.”

Draussen, fremd empfinden wir, wenn die Wahrnehmung des Gewohnten plötzlich versagt. Einer solchen ‘Abwesenheit’ der Wahrnehmung liegen oft Verletzungen zugrunde. Und manchmal sind diese nicht bewusst.

In meinem kleinen deutschsprachigen, jedoch zu Italien gehörigen Heimatort, wurden die aus Deutschland stammenden Deutschen “Draussige” genannt. Mit den “Draussigen” meinte man die “Reichsdeutschen”. Die nicht überhörbare Verachtung im Aussprechen dieses Wortes “Reichs-” verstand ich als Kind nicht. Die Deutschen, die – wie wir selbst – deutsch sprachen, “Draussige” zu nennen, schuf einen eigenartigen und extremen Abstand, erzeugte eine Fremdheit, die weder sprachlich noch kulturell gerechtfertigt war, die aber eben mit einer schrecklichen Erinnerung verbunden war, von der man sich im nachhinein umso mehr unterscheiden wollte, je unbewusster man vorher miteinbezogen war.

Draussen, fremd hiess in diesem Fall – ganz ähnlich wie der verbrannten Zugenspitze, die “aussen” geworden ist – “ich kann dort nichts mehr empfinden”.

Fremd kann erst wahrgenommen werden, wenn einmal “Heim” vorhanden war

Wie sich dies in der menschlichen Psyche entwickelt, hat Rene Spitz in den 60er Jahren zu beschreiben versucht. Die acht Monate Angst, das sogenannte “Fremden”, entspricht einer Reifungsstufe (Spitz nennt sie den 2. Organisator), die sich nur einstellen kann, wenn ein vorhergehender Entwicklungsschritt vorausgegegangen war, nämlich das Wiedererkennen des menschlichen Antlitz, das den Säugling lächeln macht. (der 1. Organisator)

Mit acht Monaten ist seine Wahrnehmung soweit ausgebildet, dass er Gesichter vergleichen kann. Er reagiert enttäuscht und verärgert, wenn ein Gesicht auftaucht, das sich als unbekannt und fremd herausstellt. Dieses Fremde erzeugt Angst, die zur Panik werden kann, wenn kein bekanntes Gesicht dazu auftaucht. Ist das bekannte Gesicht wieder da, ist der Heimpol gesichert, schlägt die Angst rasch in Neugier um.

Heim und fremd sind miteinander verbunden. Wie fremd oder wie daheim wir uns an einem bestimmten Ort fühlen, hängt von einem inneren Gleichgewicht und einer äusseren Bedingung ab, die zueinander in Wechselwirkung stehen. Je stärker wir einen Heimpol in uns fühlen, desto mehr wünschen wir uns Fremdes, je fremder wir uns fühlen, desto anziehender wird das Gewohnte.

Der Raum zwischen heim und fremd ist seit jeher fruchtbarer Boden für das Entstehen von Erzählungen, Mythen und Riten. Gerade in diesem Spannungsraum, gerade zwischen dieser Polarität entsteht Kultur, entsteht Zivilisation, entsteht Bewusstheit.

Und nun eine erste Frage an die Psychologie: Drückt sich innerhalb unserer analytischen Psychologie die Spannung zwischen heim und fremd in irgendeiner Form aus?

Ist “unsere” Psychologie (C.G. Jung) uns fremd genug, ist sie uns unheimlich genug, um vital zu sein? Fühlen wir uns in Begriffen wie Archetypen oder Unbewusstes zu hause, heim-elig zu hause, während draussen womöglich gar kein Unbewusstes existiert?

Ist alles so heimisch, dass wir von Zeit zu Zeit dramatische Spal tungsprozesse in lokalen Trainingsinstituten brauchen, um soviel “heim” überhaupt auszuhalten? Heim und fremd als sensorische Wahrnehmung.

Wenn wir an “heim” denken, dann kommen bestimmte – wahrscheinlich früh eingeprägte – Formen von Landschaft in den Sinn, ein Lichteinfall, Geräusche (z.B. wie eine bestimmte Tür klickt) Gerüche, der Geschmack eines bestimmten Essens, die Beschaffenheit eines Stoffes. Auch gewohnte Bewegungsabläufe wie um eine bestimmte Ecke biegen, erzeugen Heimgefühl. Das Köpergedächtnis kennt die täglichen Wege und die gewohnten Handgriffe. Diese differenzierten Sinneswahrnehmungen bilden die Basis des Empfindens und Erinnerns von “heim”. Darüber errichtet sich das gesamte Kulturgut eines Volkes, die Sprache, die Musik, die Gebrauchsgegenstände, die Erzählungen.

Emigranten konnten meist nichts von all diesem “Heim” mitnehmen, oft nicht einmal die Sprache. Diejenigen von ihnen, die jedoch ein Handwerk mitbrachten – wie die italienischen Steinmetze in den USA – haben sich am leichtesten und erfolgreichsten angepasst. Ein Handwerk besteht aus gewohnten, heimischen Handlungen, die das Körperempfinden wiederfindet. Die italienische Steinmetze und die Köche haben sich nicht nur wirtschaftlich emporgearbeitet, sie haben auch ihre Kreativität voll entfalten können. Ihre architektonischen und kulinarischen Spuren prägen das neue Land. (In New York und Washington stehen unzählige Monumente der italienischen Bildhauer.)

Die gestalterische Arbeit mit den Händen heilt Fremdsein.

Den eingewanderten Frauen ist diese Möglichkeit schneller abhanden gekommen.

Quiltnähen war noch eine solche heilsame Form der Auseinandersetzung mit dem Fremdsein. Erinnerung und Gegenwart wurde in Mussestunden in einen Stoff eingearbeitet. (Die in den Quilt eingenähten Stoffreste erzählten noch den Kindeskindern, wie sich das Brautkleid anfühlte).

Die Hausfrau der 50er Jahre, die in der vollautomatischen Küche triumphiert, hat sich um diese heilsame Form des Gebrauches der Hände betrogen. Die Händen, die vorher genäht, gestickt, geknetet geformt und erschaffen haben und dabei feine, rhythmische Geräusche hervorbrachten, drückten später hauptsächlich Knöpfe an Maschinen, die nur Lärm verursachten.

Ich weiss, dass ich riskiere, anachronistisch zu wirken. Aber ich sehe in der Sandspieltherapie, wie Menschen nach dem Sand fassen, ihn kneten und drücken und sieben, aufschütten, ordnen und vermischen, dabei hinlauschen und empfinden: es stellen sich tiefe und körperliche Erinnerungen von Heim ein. In diesem Sandspielen werden dann manchmal Orte gestaltet, von denen gesagt wird: da ist noch nie jemand gewesen, auch ich nicht, und doch ist es mein Ort.

Heim und fremd wird in erster Linie vom Körper erschaffen, empfunden, verloren, gesucht und gefunden.

H. Heine, der im französischen Exil lebte, drückte dies liebevoll in einem Gedicht aus. Der Körper ist es, der den Weg nach hause weiss:

“Jetzt wohin? Der dumme Fuss
will mich gern nach Deutschland tragen;
doch es schüttelt klug das Haupt mein Verstand und scheint zu sagen: …”

Wie sehr das Heimgefühl körperbezogen ist, sieht man auch umgekehrt in der Extremform des Fremdseins: nämlich der traumatischen Erfahrung. Der von einem schweren Trauma Betroffene ist wie von seinem Körper verbannt und kehrt nur mehr teilweise in ihn zurück. Das Gefühl in seinem Körper zuhause zu sein, ist einer Empfindung von eigener Fremdheit gewichen. Der Körper hat – zum Schutz der Psyche – einen grossen Teil seiner Empfindlichkeit abgeschaltet, die Tierseele hat sich sozusagen totgestellt.

Für Emigranten kann das bedeuten, dass der Körper sogar das Gewohnte, Vertraute nicht mehr wirklich empfindet: Die Sonne, die in der Heimat wärmte, ist in der Fremde nicht die gleiche. Sie wird wie eine Art Imitation empfunden, es ist keine wirkliche, es ist eine “falsche” Sonne. So kann in der Fremde alles nur mehr scheinbar sein und kaum etwas wirklich. Die entspricht dann immer mehr einer Dissoziation.

Nicht umsonst heisst es im Howard Psychiatric Guide (p. 247), dass Migration und das Auftreten von Paranoia in relevantem Zusammenhang stünden.

Traumatherapien, die heute mit Erfolg angewendet werden, arbeiten mit der Vorstellung eines geschützten, guten Ortes. Ein innerer Heimpol muss aus der Erinnerung erschaffen werden. Bevor dieser Ort innerlich nicht verlässlich zur Verfügung steht, kann Trauma nicht bearbeitet werden.

Wenn Tradition, Sprache, Familiengewohnheiten durch die Emigration abgerissen sind, wird eine innere Fremdheit über Generationen weitergegeben, ohne dass sie einen sprachlichen Ausdruck fände.

Die Sehnsucht nach etwas Unbenennbarem, habe ich besonders bei Frauen italienischer Abstammung in den USA erlebt. Einwandererfamilien hatten nach der dritten Generation nur mehr den Namen behalten, Sprache, Essgewohnheiten, Mimik und Kleidung wurden innerhalb zwei Generationen abgelegt, man musste und wollte sich anpassen.

Ein scheinbar harmloses Symptom unter dem diese Frauen der dritten und vierten Generation litten war, dass sie unfähig waren, ihr Heim gemütlich zu machen, “I don’t know how to decorate my home”, hiess es unter Tränen. Sie fühlten sich in ihrem Haus nicht zu hause. Sie hatten bereits – Probleme löst man auf praktische Art – einen Homedecorator angestellt.

Die Multimillionärin Martha Stewart hat genau auf diesem fehlenden Heimgefühl ihre Millionen verdient. In ihrer Biografie gibt es eine tschechische Grossmutter, die Marmeladen und Gemüsekonserven einkochte und es verstand einen Tisch so liebevoll zu decken, dass heim entstand. Tausende von Amerikanerinnen konnten das nicht und entwickelten eine Art Sucht nach Martha Stewarts Ideen in Illustrierten und im Fernsehen. Und wenn dann an einem Novembernachmittag ein ikebanagerechter Herbststrauss farblich genau zum Sofaüberzug passte, das Dauerholzscheit im Kamin glaubwürdig vor sich hin glomm und frisch gebrühter Tee sich in der richtiger Konzentration in die von der Illustrierten “Home” vorgesehene, Tasse goss – das Heimgefühl blieb aus. Das ist Martha Stewarts wirkliche Lüge. (Seit ihrem Finanzskandal wurde der Name ihrer Illustrierten Home sogleich umbenannt.)

Fragte man nach diesem Gefühl “I cannot decorate my home“ tiefer, kamen ein fast unerträgliche Leere und dann traumatische Erinnerungsstücke der Vorfahren zutage, eine verbitterte Grossmutter, die noch manchmal in der fremden Sprache gesprochen, aber nie etwas von sich erzählt hatte, eine verrückt gewordene Urgrossmutter, eine suizidaler Grossvater.

Wo Erzählungen vorhanden sind, so schlimm sie auch sein mögen, ist das Trauma geringer, die Erfahrung ist vermenschlicht, sie hat sich im Erzähltwerden erwärmen können.

Alles bisher Gesagte gilt aber heute nicht nur für Emigranten. Eine sehr ähnliche Art des Fremdseins hat in den letzten zwei Jahrhundeten in gewisser Weise auch alle, die am gleichen Ort geblieben sind, eingeholt.

Wann hat dies begonnen? Hier ist es notwendig einen Schritt in die Geschichte zu machen und zwar einen bestimmten, kleinen Ausschnitt davon.

Betrachtet man die deutsche Literatur, so fällt auf, dass sich die Thematik von heim und fremd von der Mitte des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts ganz besonders intensiv gestaltet. In der Literatur der späten Romantik erlebten die Themen um Heimweh, Fernweh, Wanderung, Natur, Einsamkeit, Sehnsucht eine besondere Blüte. Dazu gibt es im Deutschen gibt es die eigenartige Substantivierung des Fremden: die Fremde. Die Fremde klingt wie physischer Ort, in den man hingehen kann und an dem man sich dann befindet. In anderen Sprachen ist das Substantiv eine etwas umständliche Abstraktion (spaesamento, eher Entfremdung).

Die Sehnsucht nach der Heimat und die nach der Fremde scheinen ein und dieselbe zu sein, sie ist die Kraft dieser Dichtung. Und beides, nun Ruhen wichtiger als Wandern? Ist Heim fern gerückt? Liegt es gar in der alten Zeit?

Und weiter bei Eichendorff:

“Was wisst ihr dunkele Wipfel
von der alten schönen Zeit
Ach die Heimat hinter den Gipfeln
wie liegt sie hier so weit.

Auch wenn sich das Gedicht noch direkt auf Deutschland bezieht, die existentielle Unbehaustheit ist nicht zu überhören.

In Goethes “Wanderers Nachtlied” zeigt der Wanderer eindeutige Zeichen von Erschöpfung.

“Ach ich bin des Treibens müde
was soll all der Schmerz und Lust
süsser Friede
komm, ach, komm in meine Brust”

In Wilhelm Müllers von Schubert vertonten Liederzyklus der Winterreise

“Fremd bin ich eingezogen,
fremd ziehe ich wieder aus”

ist der Wanderer wie aus der alten Welt herausgefallen. Eindeutig zur Kunstfigur geworden gibt es keinerlei geographische Koordinaten mehr: man könnte den Weg der Winterreise auf keiner Landkarte nachvollziehen.

Und wohin gelangt er? Die Frage ist nicht mehr berechtigt. Wer die Lieder kennt, erinnert sich: Ein greiser Kopf, die Raben, die um ihn kreisen, der vereiste Fluss, der Leiermann: Dreht sich diese Reise im Kreis? Kommt der Wanderer nur an seinem persönlichen Lebensende an? Gibt es gar keine Heimat mehr?

Im von Schuhmann vertonten Gedicht Joseph von Eichendorffs “In der Fremde” ist dies noch deutlicher.

“Aus der Heimat hinter den Blitzen rot,
da kommen die Wolken her
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
es kennt mich dort keiner mehr
wie bald, wie bald kommt die stille Zeit
da ruhe ich auch und über mir
rauschet die schöne Waldeinsamkeit
und keiner kennt mich mehr hier.”

Wenn mich ‘hier’ niemand mehr kennt und ‘dort’ niemand mehr kennt, dann hört die Heimat endgütig auf zu sein – dann ist überall Fremde. Dann ist die Wanderung zu Ende und der Wanderer ist nirgendwo angekommen – es sei denn in seiner Depression. (“Dann ruhe ich auch”.)

Spricht die Natur nicht mehr? Bietet sie nur mehr ein regressives zur Ruhe kommen in der Waldeinsamkeit? Hat das Individuum abgedankt und ist auch seine Verantwortung verschwunden?

Das Feuerwerk zwischen heim und fremd ist ausgeglüht. Es scheinen sich zwei Wege abzuzeichen. Die eine führt in die sogenannte neue Innerlichkeit. (Rilkes “Weltinnenraum” als neue Behausung) und vielleicht bis heute in die Tiefenpsychologie als den Innenraum des Unbewussten.

Auf der anderen Seite bleiben entleerte Begriffe von Heimat, Vaterland und Natur, die dann im Politischen eine Degeneration erleiden. (“Der Wanderer lernte marschieren.” P. Härtling).

Entfremdung

Die Fremde, in die man als Individuum noch hiningehen konnte und von der man auch zurückkehren konnte in eine Heimat, ist im 20. Jahrhundert Entfremdung geworden.

Entfremdet ist nicht nur der Kriegsheimkehrer, der “Draussen vor der Tür” (W. Borchert) steht, Entfremdung ist vor allem ein Zustand. Während man sich mit der Fremde bewusst auseinandersetzen konnte, holt einem die Entfremdung ein, ohne dass man dies entschieden hat. Einer wacht am Morgen auf und nimmt wahr, dass er so auf dem Rücken liegt, dass er sich nicht mehr umdrehen kann. Und er bemerkt weiterhin, dass seine Arme und Beine die eines Insektes geworden sind. Dies ist nicht mehr Ausseinandersetzung mit etwas Fremden, dies ist unbewusstes Überwältigtsein davon. Wann ist es geschehen? Über Nacht. … Von Kafka über Camus, Beckett, Grass, Handke, Bernhard, Seebald: kein moderner Schriftsteller, der die Entfremdung nicht zum Thema hätte.

Entfremdung ist, wenn der fruchtbare Raum zwischen Fremde und Heimat in sich zusammenfällt. Die Romantik war eine Vorahnung davon, die Fremde hatte sich schon begonnen auszubreiten und die Heimat zurückzuziehen. Zwei Jahrhunderte später war es dann soweit. Wenn das Fremde oder die Fremde überall ist, dann hört sie auf, direkt wahrgenommen zu werden, es ist nicht mehr fremd, es ist normal.

So leben wir heute. Das Fremde ist das Normale.

Wo ist heim? Die Frage entfällt, es ist kein Ort mehr. Ist es ein Zustand? Lässt er sich beschreiben? Gibt es Sprache, die ihn beschreiben kann? Was geschieht, wenn heim nicht mehr wahrgenommen wird, aber auch nicht einmal das Fehlen von heim? Psychologisch ausgedrückt würden wir sagen heim ist ins Unbewusste gefallen. Wir nehmen an, dass sich Unbewusstes oft in primitiveren und gefährliche Formen wieder manifestiert.

Der unbewusste Heimpol kann als Nationalismus auftauchen, als Sektengläubigkeit, als Kitsch, als Konsumverhalten.

Dies ist schlimm genug, aber wir können es doch sehen. Schlimmer ist, was wir nicht mehr sehen können.

Unsere Generation leidet unter der Entfremdung, unter der Hässlichkeit des Lebensraumes und unter der Verarmung der Beziehungsformen. Leiden heisst gefühlsmässig wahrnehmen. Leidet die nächste Generation noch darunter? Oder werden gewisse Veränderungen nicht bewusst als solche wahrgenommen, sondern nur indirekt als Gefühl von etwas fehlenden, das man nicht mehr benennen kann?

In dem kleinen Bergdorf, in dem ich aufgewachsen bin, war vor 25 Jahren ein ägyptischer Tellerwäscher gekommen; er arbeitet in einem der zwei Gasthauser. Jeder Bauer kannte beim Namen, man hatte ihm Karten spielen gelehrt und Schimpfwörter auf Dialekt. Seine Essens – und Betgewohnheiten wurden respektiert und wenn jemand in die Stadt hinunterkam, brachte er ihm eine arabische Zeitung, die er dann genüsslich ausbreitete und in der er zum Erstaunen aller las. Er wurde natürlich nicht wirklich als einer der “hiesigen” aufgenommen, er wurde jedoch im Bereich des Möglichen integriert und vor allem hatte er eine anerkannte Identität als Fremder.

Heute sind die ausländischen Tellerwäscher in demselben Gebiet mehrere hundert. Ihr Fremdsein wird kaum mehr wahrgenommen. Niemand fragt mehr neugierig und mit leichtem Schaudern, “wie es denn bei ihnen daheim so zugehe. …” Sie sind Arbeitskräfte und werden vertragsmässig behandelt.

Dies ist alles notwendig. Den heutigen Gastarbeitern geht es besser. Sie haben ihre Fremdheit mit Entfremdung eingetauscht. Diese können sie jedoch nicht mehr ablegen, selbst wenn sie in ihr Heimatland zurückkehren.

Mit dem Verschwinden des Spannungsraumes zwischen Heim und Fremd geht Kultur, geht Zivilisation verloren. Umständliche Höflichkeitsformen, Begrüssungs- und Abschiedrituale, langwierige Redens- und Erzählformen, kompliziert zubereitetes Essen,

Alle uneffizienten menschlichen Beziehungsformen sterben aus wie anpassungsunfähige Tierarten. Wir werden eindeutiger, gröber, schneller und voraussagbarer (von Hochleistungen einzelner Individuen in der Kunst und im Sport abgesehen).

Wir können dies am Beispiel der Figur des Wanderers und des Gastes sehen.

Der Wanderer, des 18 Jahrhunderts war nicht unbedingt gewandert, um irgendwo anzukommen, sondern um “Heim” und “Fremd” von Distanz aus zu sehen. Der heutige Wanderer tritt als Masse auf, er ist der Tourist und muss lange Strecken und Flugstunden zurücklegen, um überhaupt zu etwas zu gelangen, das anders ist als sein Alltägliches. Der Tourist will rasch irgendwo ankommen; und zwar nicht vorrangig im abenteuerlichen Unbekannten, sondern – wie Reiseprospekten vermuten lassen – eher in einem regressiven Zustand. Er sucht Sandstrände und Zustände, in dem er sich entspannen kann. Er will sich gehen lassen anstatt irgendwohin zu gehen. Aus der Entfremdung seine alltäglichen Lebens versucht er in an einen Ort idealisierter Geborgensein zu fliehen. Eine Umkehrung hat also stattgefunden. Die Reise wird nicht unternommen, um von einem Heim in abenteuerliche Fremde zu gehen, sondern man bricht nach exotischen Ländern auf, um dort ein Gefühl von Heim (Faulenzen, sich Verwöhnen lassen) zu finden. Dies ist notwendig, weil im wirklichen, alltäglichen Heim Entfremdung herrscht.

Die Figur des Gastes war seit jeher ein gelungener Versuch, die Pole heim und fremd zu transzendieren. Gastlichkeit ist die Überwindung der beiden urtümlichen Verhaltensweisen dem Fremden gegenüber: nämlich Ausstossen oder Aufessen. Mit einem Gast vollzieht sich ein Austausch; durch seine aufmerksame Wahrnehmung, durch sein Betrachten gibt er dem Heimischen Wert. Durch seinen staunenden Blick wird neu belebt, was dem Gastgeber zur Gewohnheiten geworden war. Wenn der Gast aufbricht, lässt er freien Raum zurück, in dem sich Phantasie und Sehnsucht entfalten.

Mit Touristen findet nur selten ein Austausch statt, da ihr Blick einseitig oral-gierig ist (sie suchen die Regression) und so hinterlassen sie keinen freien, sondern leeren Raum. Sie bringen ihre Entfremdung mit.

Gegen totale Entfremdung schützt nur Wahrnehmung dieser Entfremdung. Solange jemand wahrnimmt, besteht ein Standpunkt ausserhalb. Etwas Normales, alles Durchdringendes wahrzunehmen, ist jedoch nicht leicht.

Die Wahrnehmungspsychologie und die Neurophysiologie lehren uns, dass nur dann differenziert wahrgenommen werden kann, wo eine emotive Bereitschaft und potentielle Bilder bereitstehen, um das neu wahrgenommenen mit dem Bekannten zu vergleichen.

Etwas Neues und Fremdes wird umso vollständiger wahrgenommen, je differenzierter ein schon vorher bestehendes Bild vorhanden ist. (Am besten nimmt man eine Symphonie wahr, wenn man schon viele Symphonien und auch andere Musik gehört hat.)

Je weniger differenziert das Eigene ist, desto weniger kann Fremde in seiner besonderen Eigenart wahrgenommen werden. Und hier wird eine fatale Wechselwirkung sichtbar: wenn unsere Heimerfahrung seit Kindheit an von Entfremdung geprägt ist, also wenig differenziert, eintönig, nivelliert, dann nehmen wir das Fremde in seiner Eigen – und Andersheit gar nicht als solches wahr. Wir biedern hingegen mit ihm mit Leichtigkeit an. Es vollzieht sich kein befruchtender Austausch, sondern eine Art Aufessen, ohne dass viel übrig bleibt.

Es gibt heute immer wieder Moden, in dem Fremdes eine Rolle spielt. z.B. werden heute ethnische Tänze in jedem Provinznest angeboten. Ebenso selbstverständlich kann man in einem brasilianischen Fischerdorf mit einem Tantra-Yoga Lehrer rechnen, wie in Mexiko mit Chi-Gong Kursen, in New York mit Workshops in griechischer Ikonenmalerei und im Zillertal mit senegalesischen Heilzeremonien. Kulturelle Systeme, die eine medizinisch, soziale, spirituelle Einheit bildeten, werden eines nach dem anderen ausgebeutet, wie die Hölzer des tropischen Regenwaldes. Nach einiger Zeit kommt etwas noch Authentischeres und das andere ist vergessen und weggeworfen. Keine Austausch mit dem Fremden hat stattgefunden, sondern Raubbau.

Dass wir imstande sind fremde Rhythmen, Bewegungen, Gerüche, Geschmäcker, mimische Ausdrucks – und Verhaltensweisen überhaupt so problemlos anzunehmen, ist ja bereits ein Anzeichen davon, wie vereinfacht und reduziert unsere Wahrnehmung des Anderen, des Fremden ist.

Für Goethe oder für Heine waren schon nur die Klänge der fremden Sprache auf ihrer Reise nach Italien so überwältigend, dass es ihnen schwerfiel die Konzentration zu bewahren. So viel Fremdes aufeinmal war mühsam zu bewältigen, die Vergleiche zu den vielfältigen vorhandenen Heim-Bildern (das Licht, das Wetter, die Gesichter, die Farben alles” so anders als bei uns in Deutschland …”) war anstrengende psychische Arbeit. Dass wir heute ohne grosse Schwierigkeiten nach Indonesien, nach New York oder in den Amazonas reisen können, ohne uns von der Andersheit überwältigt zu fühlen (und ohne wie Jung in Gedanken an seine Romreise ohnmächtig zu werden), hängt bereits mit unserer stumpferen, emotiven Wahrnehmungsfähigkeit bezüglich des Fremden zusammen.

Weil wir in unserer Heimerfahrung gefühlsmässig schon etwas verarmt sind, ist unsere Wahrnehmung des Fremden ebenfalls reduziert. Dieser Mangel an Wahrnehmung des Fremden (mehr oder weniger sind ja alle Menschen gleich) ist Zerstörung des Fremden und Zerstörung von Heim und führt zu weiterer Entfremdung.

Dieser Prozess ist nicht aufzuhalten, er hat sich bereits vollzogen. Differenzierte Kulturformen sind auf kollektiver Ebene überall auf der Welt einfacheren gewichen.

Meine Grossmutter kochte sicher noch achzig aufwendige, ortsgebundene Gerichte, die ein Heimgefühl erzeugten, meine Mutter nur mehr zwanzig, ich zehn und meine Tochter nur mehr drei. Dafür gibt es eine wachsende Anzahl weltberühmte Meisterköche (deren Kochbücher man kaufen kann) sowie einen 24-stündigen Kochkanal im Fernsehen.

Zu Goethes Zeit “sangen die Menschen in Italien den Tag hindurch oder pfiffen ein Lied”. Kein normaler Mensch singt mehr auf der Strasse in Italien, dafür gibt es die grösste Auswahl an CD’s, die je einem Menschenleben zur Verfügung stand, überall zu kaufen.

Leidet jemand unmittelbar daran?

Wir können uns nun fragen, welche Rolle nun die Psychologie in dem Ganzen spielt.

Die Psychologie rettet sich eleganterweise aus vielen Dilemmas, in dem sie ein Problem von aussen nach innen verlegt. So kann man z.B. sagen, Heim, Fremde, Gast haben heute im übertragenen Sinn Bedeutung.

Die Träume könnten eine Ausdrucksform eines Gastbesuches sein, die Analyse ein Überrest gastlichen Austausches. Ein Wandern, Ankommen und Weitergehen. Wir Psychologen wären die Hüter dieser nach innen verlagerten Welt, in der Rituale, Langsamkeit und umständliche Differenziertheit der Gefühle ihren Platz haben.

Wir hätten eine enorme kulturelle Wichtigkeit, wenn dem so wäre. Wir können es nur hoffen.

Es könnte aber auch das Gegenteil der Fall sein, nämlich, die Psychologie den Prozess der Entfremdung weiterhin beschleunigt, indem sie eine isolierte Innenwelt einseitig fördert. In diesem Fall können wir uns nur damit trösten, dass unser kultureller und gesellschaftlicher Einfluss auf das Weltgeschehen so mikroskopisch ist, dass wir gar nicht viel Schaden anrichten könne, selbst wenn wir es wollten.

Wenn wir aber bedenken, dass das Jung’sche Weltbild in der deutschen Romantik wurzelt und sich ohne grössere Einbrüche bis ins 21 Jahrhundert gerettet hat, dann ist es doch naheliegend zu überlegen, wie sich das Ineinanderfallen der Pole heim und fremd innerhalb unserer Jung’schen Begriffswelt manifestiert.

Bezeichnen wir als seelisch, alles das, was wir als heimisch kennen, als warm, vertraut empfinden und als nicht seelisch, alles, was wir schwer aushalten und nicht integrieren könnens? (siehe W. Giegerich: auch die Atombombe und die Autobahnen sind Psyche.)

Aber nun die wichtigste Frage für unser Thema: Eignet sich die Psychologie überhaupt als Instrument, um die heutige, existentielle Entfremdung zu beschreiben? Kann eine Disziplin, die erst hundert Jahre alt ist, Lebensauffassungen die Jahrhunderte vorher bestanden, überhaupt mit ihren Begriffen nachempfinden? Weiss sie überhaupt, wie es war, als man noch freiwillig in die Fremde gehen konnte und nicht ungefragt von ihr eingeholt wird?

In Zukunft könnte die Idee eines geographischen Ortes als heim gar nicht mehr verstanden werden. Für den zukünftigen Psychologen könnte sich das anhören, wie Aberglauben: so wie man früher noch glaubte, im Baume wohne ein Gott, so glaubte man früher “heim” sei ein geographischer Ort.

Die Psychologie kann Vorhergegangenes beschreiben, wenn man Heimat und Fremde sind gleichzeitig buchstäbliche und allegorische Orte.

Warum diese Intensität, zu dieser Zeit? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um etwas handle, das bereits im Verschwinden begriffen ist und noch einmal – wie es oft mit Geistesbewegungen ist – in letzter Grösse aufblüht. Nicht nur die Heimat geht unter, nicht nur die Fremde, sondern vor allem der Raum, der von beiden erschaffen wurde.

Versuchen wir diese Entwicklung an hand einiger Lyrikbeispiele zurückzuverfolgen.

Bis Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war der Wanderer eine alltägliche Erscheinung. Man traf ihn am Wege. Er war in die Fremde gezogen, um etwas zu lernen. Für einen Handwerksburschen hatte das praktische Gründe: neue Techniken konnten gelernt und nach hause gebracht werden. Er zog in die Fremde und kehrte innerlich und äusserlich bereichert zurück. In der Fremde zu bleiben war in der Regel nicht vorgesehen. Die Betonung lag auf Heim.

Friedrich Schiller beschreibt im Lied von der Glocke die Wanderschaft als etwas notwendiges, die positive und hoffnungsvolle Ausrichtung ist klar und es besteht kein Zweifel: es gibt ein Heim.

“Vom Mädchen reisst sich stolz der Knabe
er stürmt ins Leben wild hinaus
durchmisst die Welt am Wanderstabe
fremd kehrt er heim ins Vaterhaus.”

Fremd und heim stehen gemeinsam in der letzten Zeile. Das Fremde wird ins Vaterhaus mitgebracht, integriert, neu gestaltet.

Die Fremdheit wird überbrückt, in dem man sich an die Natur wendet, sie stellt das Stabile, Grundlegende, den Anfang der Welt dar: die Gestirne, das Himmelszelt sind Heim.

“Weit bin ich einher gezogen
über Berg und über Tal
der treue Himmelbogen umgibt mich überall”
(Clemens von Brentano)

Bald aber lässt die hoffnungsvolle, schillersche Frische nach und es schleicht sich Unsicherheit ein.

“Schöne alte Lieder weiss ich
in der Kälte, ohne Schuh
draussen in die Saiten reiss ich
weiss nicht, wo ich abends ruh
(J. Freiherr von Eichendorff)

Eine alte Zeit ist verloren: die alten Lieder betreffen diese, endgültig vergangene Zeit. Der Wandrer “weiss nicht” wo er ruhen wird”. Ist davon ausgeht, dass alles Vorhergehende im Jetzigen enthalten ist, dass in einer Entwicklung nichts Wesentliches an Erfahrung verlorengeht.

Ist dies wirklich so? Haben wir nicht gesehen, dass in der heutigen Zeit bestimmte Errungenschaften der Zivilisation verlorengehen können?

Schon heute sind psychologischen Versuche sich auf ein früher zu beziehen, recht peinlich. An einem Kongress über griechische Tragiker hörte ich einen Psychoanalytiker sagen: Sophokles habe schon ganz freudianisch gedacht.

Aber die Jugend der Psychologie ist nicht das einzige Hindernis. Die Schwierigkeit liegt tiefer. Die Entfremdung des modernen Menschen, seine Unbehaustheit haben nämlich zur Entstehung der Psychologie selbst beigetragen.

Ohne einen Teil Entfremdung bereits im Blut zu haben, würde es sich niemand einfallen lassen, einem Fremden sein intimsten Gedanken zu erzählen. So ist die Psychologie mit der Entfremdung verwickelt und unter Umständen sogar in einem Interessenskonflikt: sie verspricht zu heilen, wovon sie selbst ein Teil ist. Die Psychoanalyse ist ein Versuch die Entfremdung auf persönlicher Ebene anzusehen und zu heilen. Dabei könnte sie sogar das Gegenteil bewirken – nämlich, die Entfremdung weiterhin fördern, in dem sie den Individualismus auf die Spitze treibt.

Zur Beschreibung des Fremdseins scheint sie nicht nützlicher als ein Blick ins Spiegelkabinett.

Zugleich ist aber im klinischen Bereich sehr viel Nützliches erreicht worden. Einzelnen Einwanderern, Exilanten, traumatisierten Menschen wurde durch psychotherapeutische Arbeit geholfen, menschenwürdig zu leben.

Vielleicht ist dies deshalb möglich, weil sich durch die Analyse die Polarität von heim und fremd in der Psyche wieder neu konstellieren kann.

Aus der eigenen Entfremdung heraus bittet man einen Fremden, den Analytiker, um Hilfe. Dieser zeigt einem den Weg, um das Eigenste, das innere “heim” zu finden. Gelingt dies, ist man berührt von der Erfahrung, wie nahe dieses subjektive heim eigentlich war. Ein Nährboden ist gefunden, von dem aus das Fremde wieder mit Neugier begegnet werden kann. Der fruchtbare Bereich zwischen fremd und heim ist neu erschaffen und es findet Kultur und Zivilisation statt, wenn auch nur subjektiv und individuell im Sprechzimmer des Analytikers und seines Patienten.

In diesem Sprechzimmer kann es äusserst interessant zugehen, wie wir wissen. Und wir können Geschehnisse wie unter dem Mikroskop betrachten, die sich generalisieren lassen.

Was geschieht, wenn der Analytiker noch fremder ist als fremd, wenn er zu einer anderen Sprach- und Kulturgruppe gehört?

Dies war zu Beginn der Analyse eigentlich sehr häufig. Freuds Patienten in Wien waren zum grossen Teil Ausländer. Für Jungs Patienten gilt dasselbe. Als viele Analytiker nach Amerika auswandern mussten, vollzog sich dasselbe Phänomen.

Ein fremder Analytiker in einem Kollektiv zu sein, ist für beide Teile, den Analytiker und den Patient eine Herausforderung und zwar auf mehreren Ebenen.

Besonders deutlich werden kollektive Projektionen und ethnisch-kulturelle Vorurteile, wenn die Kulturgehörigkeit des Analytikers nicht eindeutig ist – wie in meinem Falle. Patienten haben mich gleichermassen wegen meiner italienischen Art (warmherzig, offen, kreativ bis chaotisch, korrupt, unverlässlich) gelobt und kritisiert oder fühlten sich von meinem Deutschsein (Ordnung, Klarheit, Disziplin bis Prinzipienreiterei, Engstirnigkeit, Naziverdacht) angezogen oder und gestört.

Wenn der Patient zum ersten Mal einem fremden Analytiker begegnet, dann kann die Verunsicherung gross sein, denn das kollektive Wertsystem lässt sich nicht anwenden. Er weiss zunächst nicht, wie und wo diese Person einordnen.

Dadurch schwankt seine Einschätzung zwischen zwei Extremen: Idealisierung und Herabsetzung.

Vor allem letzteres hat Vorteile für die Analyse. Der Patient fühlt sich freier. Er denkt, der Analytiker verstehe viele Dinge ohnehin nicht, also kann er etwas wagen, kann er das Geheimere erzählen, das kollektive Tabu mitteilen: der Analytiker scheint ja tatsächlich nicht zu begreifen, wie unverzeihlich es ist in New York zu wenig Geld zu verdienen, man kann ihm vielleicht sagen, dass alle acht Kreditkarten unwiederbringlich überzogen sind, er scheint davon gar nicht so beeindruckt zu sein (und wirft einen vielleicht nicht einmal hinaus.)

Genauso kann man einer deutschen Analytikerin in Italien vielleicht andeuten, dass man für Kinder nicht unbedingt immer und überall in Begeisterung ausbricht, sondern dass man sie völlig unerträglich findet. Der fremde Analytiker befreit vom kollektiven Druck und dies eröffnet ganz von selbst neue Wege.

Mit Patienten aus fremden Kulturen, in einem fremden Land zu arbeiten, bringt die Versuchung mit sich komplizenhaft über die des Gastlandes zu sprechen. “They really don’t get it – I am sure, you know what I mean.” Auch hier wird der Spannungsraum zwischen Heim und Fremd zum Ausdrucksmittel und zur Therapie selbst. Viele Menschen leben heute in zwei oder mehr Kulturen. Sie leiden nicht unbedingt darunter überall fremd zu sein, sondern im Gegenteil, an einer zu grossen Intensität des jeweiligen Ortes. “Im Grunde leide ich daran, griechischer als alle Griechen und amerikanischer als alle Amerikaner zu sein. Mein Wunsch wäre ein neutralen Ort, der einfach da ist und sich nicht dauernd mit ungelösten Fragen in mich hineindrängt wie: wo bist du zu hause?

Am schwierigsten sind Analysen mit Vertretern der eigenen Kultur im fremden Land, wenn die Emigration eine freiwillige war. Nach einer ersten Phase der Erleichterung – endlich kann ich in meiner Sprache erzählen – wird der Analytiker oft zur Personifikation dessen, wovor man unter Umständen daheim weggelaufen ist. Die negativen Übertragungen sind oft hartnäckig. Der Analytiker ist in diesen Fällen paradoxerweise zu wenig fremd und wird attackiert, als wäre er eine innere, verfolgende Instanz.

Dieser kurze klinische Exkurs hat uns jedoch noch nicht von der Frage erlöst, ob die heutige Entfremdung – wenn schon nicht mit psychologischen Begriffen – überhaupt beschrieben werden kann.

Einen Standpunkt ausserhalb werden – hoffentlich – unsere Nachkommen haben. Sie werden unsere jetzige Zeit im besten Falle in eine grössere Entwicklung eingebettet sehen.

Einen Standpunkt ausserhalb haben jedoch auch unsere Vorfahren.

Unsere heutige Entfremdung wurde bereits vor drei Jahrhunderten von Goethe im zweiten Teil des Faust beschrieben. Goethe erzählt von Fremdsein, als würde er heute leben.

Er beschreibt das Thema der Entfremdung als existentielles, globales Problem. Der zweite Akt, die Walpurgisnacht, liest sich 300 Jahre nach seiner Entstehung, wie eine spannende zeitgenössische Beschreibung.

Zeit und Ort beginnen auseinanderzufliessen. Menschen, mythologische Gestalten aus verschiedenen Epochen reden miteinander und aneinander vorbei, sind obszön oder gefühlvoll, verrückt oder weise, lassen sich mit begonnenen Dialogen irgendwo stehen und rauschen geschäftig weiter. Hätten sie ein Handy, würde es nicht verwundern. Ab und zu taucht ein schwebendes Glasprovette auf, in dem ein leuchtender Homunkulus sitzt, der nach einem Körper sucht. Wo kann er einen Körper finden? Er bekommt nur unverständlich halbfertige Antworten. Faust taumelt durch diese virtuelle Welt, in der Kommunikation Selbstzweck ist und er hat einen Plan: er will die Welt beherrschen und zwar mit Hilfe der Technik. Seine drei Helfer heissen: Raufebold, Habebald, und Eilebeute.

“Man hat Gewalt, so hat man recht.
Man fragt ums Was und nicht ums Wie”

Im 5. Akt. horcht man auf. Die Erzählung beginnt sich wieder in althergebrachter Weise dramatisch zu gestalten. Es gibt wieder einen Ort, eine Handlung, Personen, die sich gegenseitig zuhören. Man liest mit einem Gefühl von heim: endlich sind wir wieder in menschlichen Koordinaten zu hause. Man ist erleichtert und freut sich auf das Weiterlesen.

Offene Gegend, heisst die Regieanweisung.

Die Hütte des Ehepaares Philemon und Baucis, das greise, gastfreundliche, geheiligte Ehepaar aus der Antike wirkt wie der Inbegriff von heim, wie das Ende aller Sehnsucht.

Ein Wanderer kommt. “Lieber Kömmling,” sagt Baucis. Kömmling ist eine Wortschöpfung Goethes. Ein Kömmling kommt wohl überall an, wo es jemanden gibt, der ihn so nennt.

Eine idyllische Szene, eine einfache Hütte, eine Kapelle, ein heiliger Hein, es wird noch zu den alten Göttern gebetet.

Aber die moderne Zeit, die Technologie wartet vor der Tür. Philemon und Baucis erzählen dem Fremdling, dass die Hütte, ihr Heim – und damit der Inbegriff von Heim und von alter Zeit – weg muss, weil im grossen Stil gebaut werden soll.

“So erblickst du in der Weite (11103)
erst des Meeres blauen Saum,
rechts und links in aller Breite
dichtgedrängt bewohnten Raum”

Faust, der mit Hilfe der Magie Land aus dem Meer gewonnen hat, (Freuds Metapher von der Zuidersee kommt in den Sinn), will den Hügel mit der Hütte und der kleinen Kapelle ebenfalls besitzen.

Es stört ihn auch das Läuten der Glocke:

“Wie schaff ich mir es vom Gemüte?
Das Glöcklein läutet und ich wüte”

Und Mephisto bestärkt ihn darin und trifft die Bedeutung der Glocke auf den Punkt:

“mischt sich in jegliches Begebnis
vom ersten Bad bis zum Begräbnis
als wäre zwischen bim und baum
das Leben ein verschollner Traum”

Diese Wahrnehmung von Leben gilt es abzuschaffen, Das Leben soll wirklich, im Sinne von materiell wirklich und in keine sakrale Zeit eingebunden sein. Dem greisen Ehepaar wurde anderes Land angeboten, das die beiden aber nicht möchten:

”Traue nicht dem Wasserboden”
“So geht und schafft sie mir zur Seite”, sagt Faust

Wie in der griechischen Tragödie wird das schicksalshafte Ende von einem Darsteller gesehen und erzählt. Wir hören seine Worte und lesen an seinem Gesicht ab, wie sich nach und nach Entsetzen ausbreitet. Der Türmer sieht von weitem, wie die Hütte Feuer fängt.

“Ach! die innre Hütte lodert (11312)
die bemost und feucht gestanden
Schnelle Hilfe wird gefordert
Keine Rettung ist vorhanden.
Ach die guten alten Leute
sonst so sorglich um das Feuer, werden sie dem Qualm zur Beute!
Welch ein schrecklich Abenteuer!

“Das Kapellchen bricht zusammen (11330)
Von der Äste Sturz und Last.
Schlängelnd sind mit spitzen Flammen
schon die Gipfel angefasst.
Bis zur Wurzel glühn die hohlen
Stämme, purpurrot im Glühn
(Lange Pause, Gesang)
Was sich sonst dem Blick empfohlen,
Mit Jahrhunderten ist hin.”

Als Mephisto Faust vom ausgeführten Auftrag berichtet, wird der Wanderer nur nebenbei erwähnt:

“Das Paar hat sich nicht viel gequält (11363) vor Schrecken fielen sie entseelt.
Ein Fremder, der sich dort versteckt
und fechten wollte, ward gestreckt.”

Der Fremde, der Kömmling, das Ankommen im Heim ist ohne aufhebens verschwunden, man hat es fast übersehen. Im neuen, dem Meer abgewonnenen Land, breitet sich Fremdheit aus, die normal ist und geradewegs bis in unsere Zeit reicht.

Leben wir in einer “auskühlenden Welt” wie P. Härtling sagt? So lange diese zur Normalität erhobene Fremdheit wahrgenommen, erlitten, gestaltet und beschrieben wird, gibt es eine Chance. Solange es Phantasie gibt, sie zu bewältigen und sie in neue Beziehungen zu zwingen werden, können neue Heimpole erschaffen werden. Schlimm wäre es, uns daran zu gewöhnen, dass sich nach und nach sich alles angleicht, dass alles aussieht wie das Bekannte, dass eine vereinfachte, verarmte Form von vermeintlichem heim allgegenwärtig würde. Keinen Fremden, nichts mehr Fremdes mehr zu finden auf dieser Welt, das imstande wäre, uns zu überwältigen, wäre das Zeichen unserer endgültigen und irreversiblen Entfremdung.

Ist die Psychologie hilfreich? Paradoxerweise: nur wenn sie fremd genug bleibt, wenn sie nicht zu heimisch wird, nicht zu leicht und rezeptmässig anzuwenden. Wofür hilfreich? Sie könnte ein aufrichtiger Zeuge unserer Zeit sein.